Mein erster Besuch bei den Massai

Samstag, 21.02.2015

Endlich!Mein erster Besuch in einem Massai-Dorf. Gegen 11Uhr machten wir uns auf den Weg. Von Lembeni nach Mgagao fuhren wir mit dem Daladala und von dort aus ging es mit dem Pikipiki weiter. Wir fuhren auf kleinen Trampelpfaden geschickt um das verdorrte Gebüsch. Immer weiter und weiter fuhren wir, doch weit und breit konnte ich kein Dorf geschweige denn Menschen sehen. Zu meiner Vorfreude gesellte sich nun etwas Enttäuschung. Wo ist nur das Dorf in welches wir wollten? Das Pikipiki hielt an einem relativ stattlichen Haus. Es passte so gar nicht in den „Busch“. Wie ich auf einem Schild daran lesen konnte, handelt es sich hierbei um einen Massai-Kindergarten der Grail-Schwestern. Nicht allzu weit von diesem Kindergarten befand sich abermals eine große… Hütte, das beschreibt es wohl am besten. Sie ist relativ groß, besteht jedoch nur aus Lehm und Stöcken, so wie man sich ein typisches Haus im Busch eben vorstellt. Teilweise ist es auch schon etwas verfallen, sodass man ins Innere sehen kann. Während wir auf dieses Haus, welches die Kirche von Endevesi, dem Dorf, welches wir besuchten, ist, zutraten, versuchte Hyasinta, eine junge Grail-Schwester, die mit den Massai-Frauen zusammenarbeitet, eine eben jener Massai-Frauen des Dorfes zu erreichen. Es trat ein Mann aus der Hütte. Tatsächlich war es ein traditionell gekleideter Massai, doch er entsprach gar nicht der typischen Vorstellung von sehr schlanken, athletischen und hochgewachsenen Männern. Er grüßte uns kurz per Handschlag, ehe „Martha Peneti“, die Kindergärtnerin des Massai-Kindergartens und ebenfalls eine Massai-Frau, auf uns zukam. Es schien als hätte sie auf uns gewartet. Sie führte uns in die Kirche, in welcher munter weiter gesungen wurde. Wir wollten nicht allzu sehr auffallen, denn der Gottesdienst war schon seit mehreren Stunden im vollen Gange, doch das wollte Hyasintha mir nicht zumuten, denn die evangelischen Gottesdienste oder eher „service“, wie es die Schwestern nennen, werden ausschließlich auf Kimassai, der Stammessprache der Massai, gehalten wird. Ja, die meisten Massai sind evangelisch. Obwohl wir uns direkt neben der Tür in die letzte Reihe setzen, dauerte es nicht lange bis alle Köpfe auf uns gerichtet waren und wir von Kopf bis Fuß gemustert wurden. Ich war total verunsichert, da ich nicht genau wusste, wiedie Massai, die fernab des Tourismus leben, auf mich reagieren würden.

Die ersten Eindrücke erschlugen mich förmlich. Noch nie zuvor hatte ich so viele Massai auf einmal in ihren farbenfrohen Gewändern gesehen. Doch dazu muss man sagen, dass fast nur Frauen und nur wenige Männer, wovon die meisten davon wohl in meinem Alter sein mussten, anwesend waren. Auch die meisten Frauen waren nicht älter, sondern eher noch jünger als ich. Für mich war es sehr schockierend, dass diese jungen Mädchen, die oftmals selbst noch Kinder sind, mit ihren eigenen Kindern in den Armen oder auf dem Schoß dasaßen.

Martha gesellte sich zu uns und übersetze immer wieder, was geredet wurde und vor allem was gerade vor sich ging. Immer wieder erhob sich eine Menschenmenge, stellte sich um den Altar herum und es wurde verschwörerisch gesprochen. Dabei handelte es sich laut Martha um Gebete, die, zum Beispiel, für die Kranken in ihrem Dorf gebetet werden. Gegen Ende erhoben sich dann alle. Für die Massai stand nun das wohl wichtigste Gebet an: Das Regengebet. Hierzu wendeten sie sich allen vier Himmelsrichtungen zu und begannen mit erhobenen Händen zu beten. Für mich war es sehr befremdlich, doch auch wir erhoben uns und taten es ihnen gleich, wobei wir jedoch auf das Sprechen verzichteten.

Da jeder interessiert war, wer denn die Gäste heute seien, mussten wir – viel mehr ich - uns vorstellen. Verunsichert reichte ich den Ältesten, welchevorne im Altarbereich saßen, zum Gruß die Hand. Unsere Vorstellung, die sich im Wesentlichen auf meinen Namen, meine Herkunft und meine Arbeit hier in Tansania beschränkte, reichte schon aus, um sie zum Raunen und Klatschen zu bewegen. So schlossen wir den Gottesdienst gemeinsam ab.

Die Dorf- und Kirchenältesten gingen nach draußen, worauf alle ihnen folgten. Anschließend stellten sie sich in einer Reihe auf, sodass sie jeder grüßen konnte und sich ebenfalls dazu stellte. Es erinnerte mich an die „Gute-Nacht-Schnecke“ während unserer Interkulturationswoche zu Beginn unseres Freiwilligendienstes. Hyasinta ging vor, um mir zu zeigen, was ich zu tun habe, denn bei Massai-Männern tritt man lieber nicht in ein Fettnäpfchen. Daher lässt man lieber andere die traditionelle Begrüßung „vormachen“. Hat man eine ältere Person vor sich, so neigt man den Kopf etwas nach unten und grüßt mit „papa supai“(→ Männer) oder „mama takwenja“(→ Frauen). Daraufhin legt der/die Ältere seine/ihre Hand auf den Kopf und antwortet „Epa“(dt. „gut“). Ist man selbst jedoch der Ältere, so verläuft das „Ritual“ entsprechend andersherum, ganz den Traditionen entsprechend. Viele jedoch gaben mir auch ganz einfach die Hand. Nachdem nun alle in Reih‘ und Glied aufgestellt waren, zog auch der Chor feierlich aus der Kirche aus.

Auszug des Chors   

Nachdem so der „offizielle“ Teil beendet war, löste sich die Versammlung im Großen und Ganzen auf. Nur wenige verloren sich in lebhaften Gesprächen. Wir selbst unterhielten uns ein wenig mit den Müttern einiger unserer Mädchen, bevor wir uns auf zu dem „Boma“ von Marthas Familie machten, zusammen mit zwei weiteren Frauen ihres Mannes, von denen eine nicht älter als ich war. Bei einem „Boma“ handelt es sich um eine kleine, ringförmig angelegte Häusergruppe. Eine solche Häusergruppe entspricht einer Familie, in denen ein Massai-Mann zusammen mit seinen beliebig vielen Frauen und Kindern wohnt. Jede Frau wohnt mit ihren Kindern in einem dieser, von ihr selbst gebauten Haus. Der Mann besitzt seine eigenen vier Wände, die ebenfalls von seinen Frauen aufgebaut wurden. Eine Massai-Frau beginnt bereits mit ca. 8 Jahren ihr erstes Heim zu erbauen. Jedoch ist dies meistens noch nicht sehr witterungsresistent, weshalb sie nach Fertigstellung des ersten sofort mit einem neuen Haus beginnen dürfen. Das Herzstück eines jeden Bomas und wohl auch der Hort des wertvollsten Besitzes aller Massai-Männer ist die Kuhweide im Zentrum des Hütten-Kreises, in denen die Rinder nachts untergebracht sind.

Auf dem Weg zum besagten Nicht mehr weit und wir sind da Angekommen im Boma Zusammen mit Martha vor dem

Als wir in Marthas Boma ankamen, begrüßten wir erst einmal ihren Mann, der auf einem Stuhl im Schatten saß und den Sonntagmittag genoss, während seine Söhne die Rinder irgendwo in der Ferne hüten. Wir grüßten ihn freundlich, doch der Besuch schien ihn nicht zu interessieren und er erhob sich nicht einmal von seinem Stuhl. So gingen wir auch weiter in das Haus von Martha und ihren Kindern, nur eine einfache Lehmhütte. Kaum saßen wir, reichte sie uns sofort eine Tasse frischer Milch. Anfangs war ich etwas skeptisch, denn ich wollte ja nicht schon wieder Typhus bekommen, doch Hyasinta beruhigte mich, denn die Massai kochen ihre Milch generell ab und fügen auch noch Kräuter-Medizin hinzu um derartigen Krankheiten vorzubeugen. Während wir die Milch tranken, erzählte uns Martha einiges über das Leben bei den Massai und über ihre Familie. In ihrem Boma leben auch Rebeka und Kristina, zwei Mädchen die mit mir im Kisekibaha wohnen. Sie sind zwar Töchter unterschiedlicher Mütter, habenjedoch den gleichen Vater.

Es war richtig interessant was sie uns so erzählte. Beispielsweise ist der Grund dafür, dass wir kaum Männer im Gottesdienst sehen konnten, schlechthin, dass diese einfach kein Interesse am Glauben haben und sich viel lieber zu Hause ausruhen, obwohl meistens die Jüngeren mit den Viehherden weit weg sind, vor allem in der Trockenzeit. Sie wandern sogar bis nach Kenia um dort ihre Tiere weiden zu lassen, wobeisie leider oft von organisierten Banden überfallen und ihrer Rinder beraubt werden, das schlimmste was einem Massai passieren kann, denn Rinder sind alles für sie, für viele sogar wertvoller als Frau(en) und Kinder.

Nach einer Weile gesellte sich auch Kristinas Mutter mit Tee und frischer Milch dazu. Da es in dem kleinen Häuschen irgendwann zu heiß wurde, machten wir es Marthas Mann gleich und setzten uns ebenfalls in den Schatten eines Baumes. Es war richtig idyllisch den Sonntagnachmittag fernab von aller Zivilisation zu verbringen, doch bin ich mir nicht sicher, ob ich dort wirklich ein Leben lang vor allem unter diesen patriarchischen Umständen, wie es bei den Massai typisch ist, leben könnte. Anscheinend gibt es ja genügend Europäerinnen denen es gefällt à la „weiße Massai“ zu wohnen. Doch ich kann mir nur schwer vorstellen, dass eine die westlichen Standards, Luxus und Gesellschaftssysteme gewohnte Frau ihr ganzes Leben diesen Stil akzeptieren kann.

Schwester Hyasinta, Martha, Kristinas Mutter und ihre Kinder Beim Pumziken

Immer mehr Frauen gesellten sich, zusammen mit ihren Kindern, zu uns. Ich glaube, dieser Massai hat mindestens fünf Frauen, wobei es sicher auch mehr sein könnten. Während wir so da saßen und „pumzikten“ zeigte uns Martha einige Wurzeln, Äste und Pulver, mit denen sie traditionelle Medizin herstellt. Hat man ein Wehwehchen, so geht man einfach in die Steppe und sucht sich seine Medizin, wie es die Tiere und auch die Massai seit Generationen tun. Anscheinend kann man jede Pflanze, die dort draußen wächst, gegen irgendeine Beschwerden verwenden, auch wenn es schwer vorstellbar ist.

  Ein Geschenk zum Abschied

Die Zeit verstrich und als wir aufbrechen wollten, brachte eine der Frauen für jede von uns zwei selbstgemachte Ketten. Martha legte mir sofort die zwei zueinanderpassenden Fußkettchen an. Ich war überwältigt von der Gastfreundschaft und dieser Aufmerksamkeit. Bevor wir aufbrachen, wollten wir uns noch von Marthas Mann verabschieden, doch es war gar nicht so leicht ihn zu finden. Nun lag er in einem Erdloch auch wieder im Schatten. Bei diesem Anblick musste man sich wirklich ein Schmunzeln unterdrücken. Anschließend machten wir uns auf den Weg zu einer Stelle im Busch, an der uns auch ein Pikipiki finden konnte, während wir allerhand Pflanzen und Harze probierten, die Martha uns zeigte. So ging mein Sonntag in Endevesi zu Ende.

  Kwa heri!