Berichte von 11/2014

Mein Schulanfang

Freitag, 07.11.2014

Am 20.10.2014 konnte ich endlich beginnen zu unterrichten. Jeden morgen muss ich ca. 20min zur Schule laufen, wobei mir oft junge, betrunkene Männer entgegenkommen. Eine Folge der Armut und der schlechten Arbeitslage für Jugendliche in Tansania, die im Alkohol ihre letzte Chance zu sehen meinen. Begleitet werde ich stets von den Massai-Mädchen des „Chegechea“ (dt. „Kindergarten“) und natürlich von vielen anderen Schülerinnen und Schüler. Es ist wirklich faszinierend mit wie viel Freude die Kinder hier in die Schule gehen und oftmals ist ihnen dafür kein Weg zu weit.

Mein SchulwegAuf dem Weg zur Schule

Die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler hat einen Schulweg von über einer Stunde, doch es macht ihnen gar nichts aus. Während dem Laufen wird freudig „Waka Waka“gesungen, Stöcke gesammelt und unreife Mangos von den Bäumen gepflückt und gegessen, was bei den Kindern hier eine Delikatesse zu sein scheint. Die Kinder begegnen mir stets mit dem respektvollen Gruß „Shikamoo, Mwalimu.“ (dt. „Guten Tag, Lehrerin.“) und nehmen mir sofort die Tasche ab. So unrecht es mir auch ist, hier in Tansania ist es normal, dass die Schülerinnen und Schüler dem Lehrer helfen, egal wie beladen sie auch sind.

In der Schule gibt es keinen Hausmeister oder Putzfrauen. So bleibt auch das Reinigen des Schulhofes, der Klassenzimmer und des Lehrerzimmers mit Reisig an ihnen hängen. Des weiteren ist es ihre eigene Aufgabe in der Pause Tee für die Lehrer, aber auch das Essen am Mittag für sich selbst, zu kochen.

Schüler säubern gründlich den Schulhof der „Shule ya Msingi Kisekibaha“

An der staatlichen „Shule ya Msingi Kisekibaha“ (dt. „Grundschule Kisekibaha“) unterrichten sieben Lehrer und momentan auch 6 Referendarinnen. Mich erschreckt es jeden Tag aufs Neue, dass selbst die jungen Lehrerinnen den Kindern nur mit einem Stock in der Hand gegenüber treten. Ich gehe davon aus, dass dieser auch eingesetzt wird, doch bislang habe ich es noch nicht mitbekommen, worüber ich sehr froh bin.

Morgens beginnt die Schule niemals ohne ein Assamble. Die Schülerinnen und Schüler werden dabei gezählt, was an eine Tafel geschrieben wird. Ich vergleiche diese Morgenrunde oftmals mit einer Militärparade. Ein Lehrer ruft was die Kinder zu tun haben: rechts, links, drehen und halt. Anschließend wird hochachtungsvoll die Nationalhymne „Mungu ibariki Afrika“ gesungen, wobei jeder stillzustehen hat. Ist dies beendet kann nun der Unterricht beginnen.

Schülerversammlung vor dem Unterricht

Für die ersten Wochen werde ich abwechselnd Englisch in den Klassen 1 und 2 unterrichten. Diese beiden Klassenstufen, wie auch die dritte und vierte, müssen sich ein Klassenzimmer teilen, da großer Platzmangel vorherrscht. Morgens findet der Unterricht für die 1.Klasse und am Nachmittag für die 2.Klasse statt. Nach einer Woche wird dann getauscht.Momentan ist es noch sehr beschwerlich in den unteren Klassen zu unterrichten. Zum einen habe ich nur eine halbe Stunde Zeit etwas zu erklären, wo es momentan nicht nur eine Sprachbarriere zu überwinden gibt, sondern es auch darum geht, sich Respekt zu verschaffen ohne einen Stock in der Hand. Zum anderen sind die Kinder oftmals sehr überfordert. Nicht nur dass sie in der 1.Klasse lesen, schreiben und rechnen lernen müssen, nein auch das Erlernen von Kiswahili, der Amtssprache, zu ihrer Muttersprache (z.B. Massai) wie auch Englisch, steht für sie im Lehrplan. Ich versuche mich jeden Tag sehr gut vorzubereiten und mit Bildern und vielen Spielen den Sinn für die Sprache bei den Kindern zu wecken, was bislang sehr gut bei ihnen ankommt. Wenn ich meinen Unterricht dann beendet habe, korrigiere ich die Aufgaben und helfe den anderen Lehrerinnen und Lehrern bei ihren Stunden.

Beim Unterrichten mit einer Schülerin Standard 2- Noch sind sie sehr motiviert

Doch um 10 heißt es für mich: Zeit um zu gehen. Ich muss zurück zum Chegechea um dort zu unterrichten. Fast jeden Tag laufen die Kinder mir entgegen, weil sie es kaum abwarten können zu beginnen. Hier geht es weniger autoritär zu als in der Schule zu. Die Kinder folgen jeden Tag gespannt meinem Unterricht, weshalb wir oft die Zeit vergessen und deutlich verlängern. So beende ich hier meinen Schultag.

Auch Schreiben will gelernt sein

Den Nachmittag bringe ich damit zu, wie ich bereits schon erwähnt habe, die Massai-Mädchen zu betreuen und der Schwester dort unter die Arme zu greifen. Wir spielen Spiele, arbeiten im Garten, bereiteten Unterrichtsmaterial vor oder ich kümmere mich um die kranken Mädchen. Jeder Tag vergeht in einer Blitzesschnelle, dass man sich oft fragt, wo die Zeit denn geblieben ist.

Nach ausgelassenem Toben

In den letzten Wochen haben wir große Probleme mit dem Strom. Oftmals bleibt er ganze Tage lang aus. Die Schwestern meinen es sei nicht normal. Zu Beginn war es ganz schön ungewohnt, doch man gewöhnt sich sehr schnell daran. Trotzdem lernt man es auch zu schätzen, wie gut man es doch zu Hause hat, und dass es nicht auf jedem Fleckchen der Erde typisch ist, einen solchen Luxus von non-stop Strom und fließend Wasser genießen zu können, wie es zu Hause in Deutschland der Fall ist.

Doch was ich hier bereits jeden Tag aufs Neue erfahren darf:

Es ist nicht wichtig, was du hast oder nicht hast, sondern es kommt ganz allein auf die kleinen Dinge im Leben an, die das Leben wertvoll machen, wie die Gesundheit und die Gemeinschaft.